Die Schatten ferner Jahre

Buchcover von Die Schatten ferner Jahre

In der Fachwelt wird Ada Lovelace als erste Programmiererin der Neuzeit  bezeichnet, weil sie schriftlich unter Beweis stellte, wie man Bernoulli-Zahlen mit einer Maschine berechnen könnte. Weitaus tiefer geht die Charakterstudie der Zürcher Autorin Anita Siegfried. Sie zeigt eine Frau, deren Genialität mit den gesellschaftlichen Normen ihrer Zeit kollidierte und die sich zudem exzentrische Freiräume schaffte. Auf dem Nährboden ihrer Fantasie konnte die Liebe zur Wissenschaft gedeihen. Heutzutage wäre sie ein gern gesehener Gast in jeder Talkshow.

Schweizer Illustrierte, 20. August 2007


Doch liegen über Lord Byrons einziger legitimer Tochter «die Schatten ferner Jahre». Anita Siegfried, die ihre Lebensgeschichte als fesselnden Bilderbogen aus dem British Empire aufrollt, stattet das Porträt dieser Dame mit reich nuancierten Farbtönen aus. Ada Lovelace (1815–1852) erscheint als ein Mensch, befähigt zu geistigen Höhenflügen. (...)
Die Vita dieser nicht weniger schillernden Tochter ersteht äusserst farbenreich in Anita Siegfrieds «biografie romancée», deren Opulenz allerdings ohne eine staunenswerte Recherchierarbeit nicht zu denken wäre. Wahre Kabinettstücke enthält dieser Roman eines kurzen, fieberhaft dahinrasenden Lebens: Mit Lust am sprechenden Detail inszeniert die Autorin etwa eine Dinnerparty in den eleganten Räumlichkeiten der Lovelaces, oder sie begleitet Ada und ihren Gatten auf dem Gang durch die erste Weltausstellung im Jahr 1851 in London. Immer wieder glaubt man sich während der Lektüre in einem Panoptikum zu bewegen, so anschaulich ziehen all die Szenen vorüber. (...)
So formt sich das Bild einer Frau, die ihren Intellekt in den Dienst eines grossen Ziels stellte, dieses aber nicht erreicht hat, sondern in Schulden hineingeschlittert und vorzeitig an einer Krebskrankheit gestorben ist. Der Trauer über dieses Lebensfragment kann man sich nach Anita Siegfrieds eindrücklicher Darstellung nicht entziehen.

Neue Zürcher Zeitung, 28. August 2007


Siegfried sieht die Welt durch die Augen ihrer Heldin: überzeugt vom eigenen Genie und getrieben von Wissensdurst; gefangen zwar in einem kränkelnden Körper, doch weich gebettet in den Privilegien des Adels. Dann und wann wechselt die Autorin die Perspektive, berichtet etwa aus der Sicht eines Dienstmädchens.
Das Buch liest sich gut. Viel Recherche steckt dahinter. Gelungen sind die bildstarken Einblicke ins frühviktorianische England, zum Beispiel, wenn Ada in dem von Cholera verseuchten London 1837 von ihrem Arzt mit einer Paste aus Knoblauch und Kakerlaken behandelt wird. Oder wenn sie 1851 staunend durch die erste Weltausstellung in London geht. Historische Details, etwa die Information, dass der Nanny verboten ist, das einsame Kind zu umarmen, sind gut eingewoben.

Tagesanzeiger, 10. Oktober 2007


Anita Siegfried ist ein einfühlsamer Roman über diese exzentrische Frau gelungen. Die ein selbstbestimmtes Leben führte, auch wenn sie dies in Konflikt mit den starren gesellschaftlichen Normen ihrer Zeit brachte.

Brigitte, 10. Oktober 2007


Das eigentlich Packende, Spektakuläre, ebenso Verstörende wie Erschütternde an dem Text sind die Nachrichten, Entdeckungen und Erkenntnisse, die Ada über ihren Vater, sein Werk, seine Beziehungen zu ihrer Mutter und zu seiner Halbschwester Augusta sammelt – Gerüchte, Halbwahrheiten und schockierende Einzelheiten, die nun tatsächlich wie drohende dunkle Schatten aus ferner Zeit über ihr Leben hereinbrechen. Schatten, die nicht nur ein aus lauter Puzzlesteinen zusammengesetztes bewegendes Porträt Lord Byrons ergeben, sondern dazu führen, dass Ada viele Jahre nach Byrons Tod noch zum Spielball zwischen den tödlich verfeindeten Ehepartnern wird. (...)
Weitab von dem, was man gemeinhin von einem historischen Roman erwartet, benützt Anita Siegfried die an sich nicht sehr bedeutende Ada Lovelace, um in einem virtuos komponierten, fast schon archäologisch prägnant gearbeiteten Text das frühe Beispiel einer Frau zu zeichnen, die mehr sein wollte als «ein gesunder englischer Frauenschoss» für die Fortpflanzung der Nation. Das Bild einer Frau, die sich den Konventionen trotzig widersetzte, mit aller Kraft einen eigenen, autonomen Weg suchte und gerade auch in ihrem Scheitern eine Grösse zeigte, der man die Bewunderung nicht versagen kann.

Der Bund, 28.11.2007


Zu den leuchtenden Stellen des Romans gehören Ausflüge zu den Angestellten des freiherrlichen Haushalts: zu Lizzy und Rose in die Küche, wo es brodelt und dampft von früh bis spät. (...) Pure Lesefreude verbreitet ein Besuch der Weltausstellung 1851, wo Babbage und Ada in der Maschinenhalle die neusten Erfindungen der modernen Technik bestaunen: "Spektakulärstes Objekt war ein mit Dampf betriebener Mähdrescher aus den USA." (...) Als Frau im Schatten ferner Jahre beschreibt Anita Siegfried Ada Lovelace. Sie hat nicht nur einen lohnenden Roman über eine hochbegabte, vielgestaltige Frau, sondern auch ein mitreissendes Panorama in vorviktorianischer Zeit geschaffen.

Schweizer Monatshefte, November 2007

 

Anita Siegfried trägt in "Die Schatten ferner Jahre" allen Aspekten von Adas Leben Rechnung. Ada Lovelace wird beschrieben als eine junge Frau, die von ihrer Mutter derart bevormundet und eingesperrt wird, dass sie ihre Freiheit niur in der Mathematik und im Rausch finden kann. Der Leser erkennt die psychologischen Motivationen von Adas Handlungen und lebt, liebt und leidet mit ihr. Die besten Passagen des Buches sind aber dennoch jene, in denen Siegfried in einer poetischen Sprache die Aestethik der Mathematik erläutert. So wie in jenen Zeilen Lyrik unbd Mathematik verschmelzen, so werden auch Vater und Tochter symbolisch vereinifgt, ganz im Sinne von Ada Lovelace, deren letzter Wunsch es war, in der Familiengruft der Byrons beigesetzt zu werden.

Tageblatt, Zeitung für Luxemburg, Juni 2008