Inhalt - Pressestimmen - Textprobe
Das Plätschern in der Heizung, das Rauschen, kein Mensch hält das aus, so viel Wasser in Bewegung! Aber ja doch, lieber die Sintflut als den Little Boy, wenn die Fluten sinken, bleibt nichts als Schlamm zurück und eine große Stille. The Baby is born, sagte der Präsident, als er den erfolgreichen Abwurf über Hiroshima bestätigte, vielleicht hat er dabei gekichert und Strichmännchen gezeichnet neben dem Telefon, es war der Tag nach Lucas' Geburt, the baby was born, our Little Boy!, ein schwüler Sommertag, Hundstage. Im Zimmer hing der schwere süßliche Duft von siebenundzwanzig gelben Rosen. Das Bukett war mit einem Kärtchen dazu abgeliefert worden, Ich freue mich, herzliche Gratulation zum Stammhalter!, Papa. Am Mittag hörte sie die Nachrichten am Radio, Trumans Stimme. 'Der den Tod auf Hiroshima warf' war ein junger amerikanischer Pilot, das Gedicht heute Morgen in der Zeitung und die Kälte mit dem Tee hinuntergeschluckt. Ging er etwa ins Kloster, läutete er die Glocken, sprang er vom Stuhl in die Schlinge, verfiel er dem Wahnsinn, löste sich seine Wirklichkeit auf? Nein! Er kaufte sich ein kleines Vorstadthäuschen, heiratete ein blonde Frau und züchtet jetzt Rosen, die auch die Nachbarn erfreuen. Er ist ein zärtlicher Vater, seine Kinder sind pausbäckig, gut erzogen und werden zum regelmäßigen Kirchenbesuch angehalten. Den Überlebenden aber hing die schlammfarbene Haut in Fetzen am Leib, die Toten als Schatten eingebrannt in den Asphalt, nächtlich auferstanden aus Staub, und sie wunderte sich damals, dass die Welt, die große, nicht still stand. Ihre kleine Welt jedoch war ins Trudeln geraten, seine Wirklichkeit hatte begonnen sich aufzulösen.
Mit wachsender Unruhe beobachtete sie sein allmähliches Verstummen. Heimlich und leise hatte sich etwas Fremdes in den Alltag eingeschlichen und bog ihn nach seinem Gutdünken zurecht, ein Strudel, der ihn in konzentrischem Sog immer mehr in die Tiefe riss. Sie konnte sein Verhalten nicht deuten, ob die Welt sich von innen nach außen, von außen nach innen stülpte. Vielleicht auch zerflossen alle Konturen, verdämmerte die Zeit, zerbröckelten die Formen, verschob sich die Anordnung der Gegenstände, wurde er in ein schwarzer Loch gesogen, wer hätte es schon sagen können außer ihm.
Er aber war sprachlos geworden. Einen Monat nach Lucas' Geburt wurde er in die Klinik eingeliefert. Es sollte nicht das letzte Mal sein.Arzt. Der Patient. Ein schönes Wort. Ein Bonmot sozusagen. Sie standen sich gegenüber in dem kleinen Raum, die Wände hellgrün gestrichen, vergilbte Gardinen vor den Fenstern. Der Arzt lächelte, seine Hände steckten in den Taschen des weißen Doktormantels, er wippte auf den Fersen, machen Sie sich keine Sorgen, es wird Ihrem Mann bald besser gehen, die Elektroschocks sind eine moderne und erfolgreiche Methode, verstehen Sie. Hinter dünnen Lippen kaute er die Worte, seine bleichen Augen schauten haarscharf an ihr vorbei, er lächelte väterlich. Sie schaukelte den Kinderwagen, Lucas hatte zu greinen angefangen, und tat, als ob sie es verstehe, ja, ja sagte sie, ich weiß, aber sie verstand überhaupt nichts und wollte nicht verstehen, und sich damit abfinden schon gar nicht. Vor der Behandlung darf der Patient nichts essen. Eine Salbe wird auf die Schläfen des Patienten geschmiert. Wenn der Strom durch den Körper fährt, bäumt der Patient sich auf. Der Hinterkopf des Patienten schlägt auf die Unterlage. Die Glieder des Patienten zucken, ein Veitstanz, wären sie nicht festgebunden. Der Patient schrie, wäre sein Mund nicht verstopft. Nach der Behandlung weiß der Patient nicht, dass sie mit ihm etwas gemacht haben. Ihr Mann ist wieder ganz in Ordnung, Sie können ihn nach Hause nehmen, sagte der Arzt nach vier Monaten.
Es war an dem Tag, als Lucas zum ersten Mal mit der Hand nach dem silbernen Ring griff, der an einem Seidenband über der Wiege baumelte. Ein Regentag, die Leute auf der Brücke stemmten sich mit den Schirmen gegen den Wind, der Fluss war aufgepeitscht, jetzt aber liegt das Wasser still und bleiern, besser seine Tiefen nicht stören, ganz ruhig auf dem Grund liegen, das Gesicht nach oben gekehrt. Worte fallen herab, klatschen auf die Wasseroberfläche, sie sinken schnell, es ist der Klang, der sie im Fallen verrät. Das Wort aus elf scharfkantig umrissenen Buchstaben klingt wie Tamanrasset, es sinkt in einem Strudel und löst sich auf, glitzernde Luftblasen steigen an die Oberfläche. Ein Windstoss öffnet das Fenster, helles Herbstlicht, der scharfe Geruch nach Mottfeuer, und jetzt das Geräusch eines harten Wasserstrahls, der auf Metall auftrifft, über das Blech trommelt und rauscht, und sie erinnert sich plötzlich sehr klar an die Frisur von Frau Held im Licht der entgegenkommenden Fahrzeuge, kurz geschnitten und glatt, der Nacken sauber ausrasiert.