Klein wie die Ameise

Buchcover von Klein wie die Ameise

Die Geschichte ist vor langer Zeit passiert. Ich war damals noch ein Junge. Es war während der Regenzeit, als dieser Weisse in unser Dorf kam. Es kommen viele Weisse in unsere Gegend. Es ist wegen des Goldes. Sie sind gierig danach wie die Flughunde nach Blut. Sie zertrampeln unser Land, stellen ihre Häuser auf unsere Felder und fallen über die Flüsse her, die uns, den Beripocons, gehören. Meine Grossmutter sagte, früher hätten die Bandeirantes uns gejagt wie Capivaras. Sie haben unsere schönsten Frauen aus ihren Hängematten gezerrt und sie mitgenommen, um sie auf dem Markt in Cuiabà zu verkaufen. Grossmutter sagte, man dürfe den Weissen nicht trauen. Sie sind freundlich zu uns, wenn sie uns brauchen, aber haben sie erreicht, was sie wollen, sind sie hinterhältig und falsch wie die Klapperschlange. In der einen Hand haben sie das Buch, das sie Bibel nennen, und in der anderen Hand ein Gewehr.

Aber eigentlich wollte ich eine Geschichte erzählen.

Dieser Fremde war merkwürdig. Er war klein und dick. Wir nannten ihn darum Seu Baixo. Sein gekraustes Haar war hell wie Mandiokamehl. Arme und Hände waren bleich und kraftlos, sein Gesicht aber war behaart und rot, als wäre er mit Urucu bemalt. Er redete etwas portugiesisch, mit einer sanften Stimme. Er sagte, er komme aus einem Land, das sei weit weg, von dort, sagte er und zeigte nach Sonnenaufgang. Den Namen, den er nannte, hatten wir noch nie gehört.

Seu Baixo schenkte mir ein Bildchen mit einem Mann darauf, der hatte einen Ring über dem Kopf, schmal wie die Sichel des jungen Mondes. Ich kannte ihn. Es war dieser Heilige, den sie Nosso Senhor Gesú nennen. Es ist derselbe, der in ihrer Kirche an einem Holzkreuz hängt. Sie sagen, sie trinken sein Blut und essen sein Fleisch. Seu Baixo sagte, es sei der Sohn eines Gottes, der alles sieht und hört und jeden bestraft, der Böses tut. Er sagte, Senhor Gesú könne grössere Wunder als unser Schamane vollbringen.

Ich nickte und küsste das Bildchen und lächelte dazu, und Seu Baixo war zufrieden.

Naoretà, meiner Schwester, schenkte Seu Baixo bunte glänzende Schnüre, die sie sich ums Fussgelenk band.

Naoretà sagte, Seu Baixo habe Haare am ganzen Körper, hinten und vorn, nicht nur im Gesicht und an den Armen. Woher sie es wusste? Er trug doch immer lange Beinkleider und ein Hemd. Wie alle Weissen trank er Caxiri in grossen Mengen, bis er halbtot in seine Hängematte fiel. Sein Gesicht war dann noch röter als sonst.

Aber ich wollte die Geschichte von diesem Kasten erzählen.

Seu Baixo trug immer einen kleinen Kasten mit sich herum, den hütete er wie eine Affenmutter ihr Junges. Wir wunderten uns, was wohl darin sei. An einem Morgen hat er den Kasten auf drei Rohren am Ufer aufgestellt. Er hiess uns, in die Lagune zu steigen und uns nicht zu bewegen. Das haben wir getan. Die Mädchen sassen am Ufer und kicherten. Seu Baixo ist aufgeregt um den Kasten herum gegangen, er hat sich auf die Zehenspitzen gestellt und hinein geguckt, er hat etwas rein geschoben und wieder heraus genommen.

Die ganze Zeit mussten wir zu ihm hinschauen und stillhalten.
Was er gemacht habe, wollten wir wissen, als er fertig war und die Rohre wieder zusammen klappte.
‚Ich habe euch in den Kasten hinein getan’, hat er gesagt.
Wir haben gelacht. Das war unmöglich!
‚Doch doch’, hat er gesagt. ‚Ich habe euch ganz klein gemacht.’
‚Wie klein!?’, hat einer gerufen. ‚Klein wie ein pira aña?’
Seu Baixo hat den Kopf geschüttelt, was bei den Weissen soviel wie ‚nein’ bedeutet.
‚Wie ein jui?’, hat ein anderer gefragt, ‚klein wie ein Frosch?’
Wieder hat er den Kopf geschüttelt.
‚Klein wie ... tahyi, die Ameise?’
Da hat er gelacht und sich mit der flachen Hand auf den Schenkel geklopft und hat gerufen: ‚Ja, genau so klein!’
Wir erschraken.
Klein wie die Ameisen, die wir sammeln und über der Glut rösten oder als Pastete essen.
Klein wie die Ameisen, die wir mit einem Finger zerquetschen.
Klein wie die Ameisen, die wir zertreten, wenn sie uns über den Weg laufen.
Das konnten wir nicht zulassen.
An diesem Abend sind die Männer zusammen gesessen, haben Rapé geraucht und Caxiri getrunken. Wir Kinder und die Frauen sassen hinten im Halbkreis und hörten zu.

Die Männer berieten, was zu tun sei. Sie redeten lange, wägten ab und verwarfen es wieder.
Endlich wurde beschlossen, den Kasten zu zerschlagen und die Stücke ins Feuer zu werfen. Der Fremde aber sollte in den Sumpf gelockt und getötet werden.
‚Wie ist das Fleisch vom weissen Mann?’, hat einer gefragt.
‚Wie Wildschwein’, hat Pacoré, die Dorfälteste, gesagt. ‚Etwas zäh, und das Fett schmeckt ranzig.’
So wollte man es machen. Niemand merkte, dass ich mich davon schlich. Die Sache mit diesem Gott und seinem Sohn gab mir zu denken.

Wenn es nun doch stimmte, was die Weissen behaupteten?

Am anderen Morgen wunderten sich alle, dass Seu Baixo nicht aufzufinden war. Sein Pferd, der Kasten und alle seine Sachen waren verschwunden. Ein Caboclo, der für Seu Lourenço vor dem Dorf Rinder hütete sagte, er habe ihn mitten in der Nacht auf der Strasse nach Cuiabà gesehen, das Pferd sei geflogen wie der Teufel.

Im Frühjahr darauf hat Naoretà, meine Schwester, ein Kind bekommen. Es war ein Mädchen. Sie nannte es Jyivatini, das heisst ‚Hell-wie-der-Regenbogen’.

Sie sagte, es sei von Pacu, dem Fischmann, der immer bei Neumond aus dem Wasser steigt und sich zu einer Frau in die Hängematte legt.

Jyivatini ist jetzt fünfzehn Jahre alt und schön wie eine Seerose. Ihre Haut hat die Farbe der Bienenwabe, und das gelockte Haar schimmert rötlich, wenn die Sonne darauf scheint.

 

 

Nach einem Foto von E. Hassler, Cuiabà, Poconé, 1885. Poconé wurde 1781 von Goldgräbern im Stammesgebiet der heute ausgestorbenen Beripocons 100 km südlich von Cuiabà gegründet.