Notturno. Stück für drei Personen
Der Mann öffnet den Kühlschrank.
Ranziges Licht fliesst auf seine Füsse. Er nimmt eine Dose heraus, drückt die Blechlasche in den Deckel, das Knirschen, und bitterer Schaum füllt seinen Mund.
Autotüren werden zugeschlagen. Im Treppenhaus hallt Gelächter.
Das Kind weint.
Die Frau drückt den Sauger in den kleinen gierigen Mund.
Das Kind trinkt, den Kopf nach hinten gebogen. Die Oberlippe ist blasig aufgeworfen. Ein Milchfaden rinnt über seine Wange.
Die Frau steht am Fenster, das Kind im Arm.
Sie schiebt die Lamellen der Jalousie auseinander.
Es schneit.
Zwei Leute gehen mitten auf der Strasse. Sie bleiben stehen. Ein Streichholz flammt auf. Sie neigen die Köpfe gegeneinander. Das Streichholz erlischt.
Die beiden küssen sich. Eng umschlungen gehen sie die Strasse hinab.
Die Frau schaut ihnen nach, bis sie von der Dunkelheit verschluckt werden.
Der verschleierte Blick des Kindes schweift ziellos umher. Die kleinen Fäuste schlagen die Luft.
Die Frau riecht an seiner schorfigen Kopfhaut, atmet frisch gebackenes Brot und Sauermilch.
Lichtbahnen huschen über die Wand und versickern in einer Ecke.
Der Heizkörper verströmt Kälte. In den Rohren gluckst das Wasser.
Die Frau legt das Kind ins Bett.
Der Parkettboden knarrt. Die Tür geht.
Ich kann nicht schlafen. Es ist zwei Uhr, sagt der Mann. Das Kind weint.
Bierdunst weht ihr ins Gesicht.
Immer weint das Kind. Jede Nacht. Viele Male. Tu was.
Ja, sagt die Frau. Jede Nacht.
Komm ins Bett. Ich will dich. Jetzt, sofort.
Ja, sagt die Frau. Jede Nacht.
Der Mann geht hinaus.
Die Klospülung rauscht.
Die Frau wirft den Mantel über. Das Parfum im Aufschlag ist abgenutzt und süss.
Sie zerrt das schreiende Kind hoch. Es bäumt sich auf, Röte im Gesicht. Das Kissen fliegt mit, ein kleines helles Flattern. Gestockte Milch tropft käsig auf ihre Hand.
Der Aufzug summt.
Autos schwimmen im Neonlicht.
Die Schritte der Frau sind laut.
Die Frau öffnet die Tür. Sie schleudert das Kind auf den Rücksitz. Sie tritt gegen die Tür, der Hall schlägt an die Betonwände.
Das Polster riecht nach nassem Hundefell.
Lautlos schiebt sich das Tor zur Seite.
Tramgeleise verlieren sich im Schneegestöber. Schwarze Flocken wirbeln im Licht der Scheinwerfer. Die Scheibenwischer gehen schnell hin und her.
Der Zeitungsausträger.
Die erste Strassenbahn.
Ein Schneeräumungswagen.
Häuser mit Vorgärten gleiten vorbei. Leuchtschriften tauchen die Fassaden der Fabrikgebäude in fahles Grün.
Verschneite Pappeln säumen die Böschung.
Die Frau hält am Strassenrand.
Sie zieht den Schlüssel aus dem Anlasser.
Das Kind ist eingeschlafen.
Über den Feldern ist ein Streifen Helligkeit, und Schnee legt sich flockig auf die Windschutzscheibe.