Wie viele Sterne
Stahlgrau der Atlantik und flach wie ein Pfannkuchen. Seit zwei Tagen ist Windstille. Lufttemperatur 27 Grad, Wassertemperatur 23 Grad. Das Barometer am Steigen. Estimated time of arrival in Santos: 8. September, 19 h. Ein Vorhang aus Wasserfäden hängt zwischen Himmel und Meer, auf der Höhe von Madeira hat sich der Frachter langsam in die Regenfront hinein geschoben.
Alfredo Jesus Saluib, Wiper auf der NYK Paradise, Route Hamburg - Buenos Aires - Hamburg, roter Overall, Salz in Mund und Nase, geht über das Deck backbord, zweihundertsiebzig Schritte vom Heck bis zum Bug. Zur Linken tief unter ihm die Schleppe der Bugwelle milchigweiss schäumend. Zur Rechten türmen sich die aufeinander gestapelten Container himmelwärts. Den Anstrich der Böden, grasgrün, hat Alfredo heute Morgen mit Süsswasser aus der Hochdruckdüse abgespritzt. Täglich wird die Haut des Schiffes geschrubbt, selbst bei Regen. Wenn Alfredo seinen Job nicht gut macht, frisst sich das Salz in den Stahl, winzige Geschwüre, die aufplatzen und sich in braunen Rinnsalen ausbreiten, die Paradise nach ein paar Monaten ein elender Rosthaufen.
In knapp einer Stunde wird Alfredo in der fensterlosen Messe der Crew Hühnchen mit Reis essen, um später seinen immergleichen Karaoke-Song zu singen, in der einen Hand das Heineken, in der anderen Hand das Mikrophon, it’s good to touch the green green grass of home, den Text kennt er längst auswendig. Vor drei Tagen hatte er zum letzen Mal festes Land unter den Füssen. Kurz vor der spanischen Küste hat er sich die drei Haare auf der Warze unter dem rechten Ohr ausgezupft und ein frisches Hemd angezogen. Landgang. Container-Terminal Santurtze, Bilbao. Return on board 22 h stand auf der Tafel, die jeweils über dem Fallreep hängt. Ein paar Einkäufe. Nach Hause anrufen. Vor der Telephonkabine standen die Männer Schlange. Drinnen war es stickig. Es dauerte, bis seine Frau antwortete, Tanque, Manila, morgens um halb fünf Lokalzeit, sie redete hastig und eine Spur zu laut, den Kindern geht es gut, Ermengilda hat ihren ersten Zahn bekommen, das Geld ist vorgestern eingetroffen, Alfredo, bist du noch da?, die Stromzufuhr funktioniert wieder, Rodrigo hat gefragt, wieviele Sterne du auf deinem Schiff siehst, Papas Schiff, sagt er, auf seinen Zeichnungen trägst du eine weisse Uniform mit Goldtressen, Alfredo, ich liebe dich. Es war kurz vor neun, als er in einen neonbeleuchteten Flur trat. Pilar la muda war noch frei, zu reden gab es ohnehin nicht viel und die Zeit drängte.
Noch dreissig Schritte. Poller und Ankerwinde auf dem Vorschiff glänzen von der Nässe. Alfredo tritt an die Brüstung über der Bugnase. Vor ihm liegen viertausend Seemeilen offenes Meer. Nichts, was dem Auge Halt böte. Stetig und sanft fällt der Regen, weiche warme Tropfen. An einem der kommenden Tagen wird die NYK Paradise den Äquator passieren, Barbecue-Party auf dem Achterdeck, ein paar bewegungslos im Aufwind der Lee segelnde Tölpel als Geleit, sonst gibt es keinerlei Anzeichen, der Äquator ist nichts, kein goldener Strich, keine gekräuselte Wellenlinie, kein an- und abschwellender Ton, einfach nichts, Wasser und Himmel unverändert, es wird wärmer und wärmer und wieder kälter, das ist alles, und es ist Alfredo ein Rätsel, wie man wissen kann, wann der Äquator überquert wird, auf der Weltkarte im Atlas, dort ja, dort ist eine Linie gezogen, die die Erde in zwei Hälften teilt, und Manila liegt zwei Fingerbreit darüber.
Alfredo Jesus Saluib, 29 Jahre alt, seit 5 Monaten, 2 Wochen und 4 Tagen ununterbrochen im Dienst der Nippon Yusen Kaisha, schaut reglos in die Ferne. Wie still es hier ist. Das Schiff hebt und senkt sich kaum merklich mit der Dünung, ein Aus- und Einatmen, manchmal steigt aus dem Schiffsbauch ein Seufzen wie das Echo aus der Tiefe der See.
Eine Ahnung von Licht jetzt, ein heller Streifen im Westen. Es kann nicht mehr lange dauern. Das Barometer ist verlässlich. Plötzlich reisst das Gewölk auf. Dann geht alles sehr schnell. Der Regen setzt aus, als würde der Vorhang zur Seite gezogen. Das Meer leuchtet türkisfarben, der Himmel fängt an zu lodern. Verschmiertes Gold glimmt zwischen Garben von Neonpink und Schwefelgelb, reinstes Weiss, geflockt und aufgefächert, zerfranstes Smaragd, gefiedertes Viola, Flocken von Petrol schieben sich übereinander, und mittendrin taucht die Sonne rotglühend hinter den Horizont. Ein letztes Aufflammen, ein erstes zaghaftes Funkeln im Zenit, dann senkt sich die Nacht herab, mondlos und sternenbesetzt. Alfredo legt den Kopf in den Nacken und beginnt zu zählen.