Auf der Gasse, hinter dem Ofen

Buchcover von Auf der Gasse, hinter dem Ofen

Vier Jahreszeiten, vier Bilderbogen: In "Auf der Gasse, hinter dem Ofen" inszeniert Jörg Müller mit unendlichem Detailwissen das Leben einer spätmittelalterlichen Stadt. Auch die beigefügten Erzähltexte von Anita Siegfried berichten darüber. War im Frühling der Bub "Hannes 1309" unser Vordenker auf dem Weg in die Stadt, so geraten wir im zweiten Bild mit der Glasertorchter "Lena 1321" mitten ins Jahrmarktgetümmel (...). Im Herbstbild spinnt "Berthe 1325" den Faden weiter. (...) Im Winterbild "Stefan 1349" ist das Glück dann gekommen und vorbei.

Der Eindruck des Ganzen ist zwiespältig: Ein Buch? Eine Bildsequenz? Oder doch vier je in sich geschlossene, einzelne Bilderbogen? Im Gesamteindruck nicht ohne Schwermut, indessen voll verborgenen Lebens. Im Wie der Details meldet sich, Kindern vorzüglich entsprechend, Müllers unbezähmbares Interesse für das "Wie funktioniert es"? Virtuos die mehrperspektivische Inszenierung der Stadt, die Räume öffnet für ein Gewimmel von Informationen, winzigen Szenen. (...)

Einleuchtend der Versuch, den statischen Bildtafeln einen dynamischen Verbindungstext beizufügen. Als Archäologin und Verfasserin temperamentvoller historischer Jugendromane ist Anita Siegfried im Grunde genommen prädestiniert als Koautorin des strengen Illustrators, der sich hier, mehr als in all seinen bisherigen Werken, jeden Zug in die Erzählfabel oder in die Utopie versagt. Text und Bild bleiben indessen doch zu weit voneinander entfernt. Zu ihrem Auseinanderfallen trägt nicht zuletzt die Präsentation bei.

NZZ. 20. 9. 1995


Vielleicht wüssten unsere heranwachsenden Staatsbürger ein wenig mehr über die Vergangenheit, wenn Geschichte so mitgeteilt und auch so vor Augen geführt würde wie in diesem Buch. (...) Auf den Bildern, von Jörg Müller in altmeisterlicher Manier gemalt und ausdrücklich weniger der Kunst als der Information gewidmet, wird uns eine bis in letzte Detail genau dargestellte mittelalterliche Stadt in vier Bildern gezeigt. (...) Jedes Bild zeichnet eine Jahreszeit nach, und zu jeder erfindet Anita Siegfried eine Geschichte um eine Hauptfigur herum: Hannes, Lena, Berthe und Stefan. Sie werden dringend gebraucht, um den pädagogischen Auftrag loszuwerden: die Stadt und ihre Welt zwischen 1309 und 1349 mit Leben zu füllen. (...) Auf diese vier Geschichten über die Geschichte folgt, nun kleiner gedruckt, aber wunderbar detailgenau illustriert, der Geschichtsunterricht: Er ist der eigentliche Schatz und für manche womöglich spannender als die Geschichten. Hier spürt man auch die Idee: Geschichte geduldig, präzise und bildkräftig darzustellen.

Die ZEIT, 5. 10. 1995