Auf der Gasse, hinter dem Ofen

Buchcover von Auf der Gasse, hinter dem Ofen

Die Ruder stechen ins Wasser , es gibt ein gurgelndes Geräusch, dann bleiben die Ruderblätter einen Augenblick in der Luft stehen. Wie Perlen glitzem die Tropfen im Morgenlicht.

Grossvater Matti stemmt sich in die Riemen, immer und immer wieder. Hannes sieht seinen breiten Rücken, die schwieligen Fersen über den Holzschuhen.

Der See ist ganz ruhig. Hannes beugt sich über den Bootsrand, hält seine Hand ins kühle Wasser und schaut zu, wie es Wirbel gibt. Dazwischen tätschelt er immer wieder einem der Schafe den Hals. Sie müssen still stehen, damit das Boot nicht kippt.

Wenn ihr wüsstet, denkt Hannes. Die Schafe sollen heute in der Stadt verkauft werden. Grossvater Matti braucht Geld, er hat Schulden beim Grundherren, der Zehnt war zu mager ausgefallen, der Roggen war nach einem nassen Herbst in den Säcken verfault.

Und dann muss Matti auch noch den Bader bezahlen, denn die Anna ist krank. Seit Wochen schon, seit der Fastenzeit, hustet sie. Sie ist bleich, und ihre Haut ist durchsichtig geworden. Arme Anna . . . Hannes schiebt die Gedanken an seine kranke Mutter schnell beiseite - er möchte jetzt gar nicht darüber nachdenken. Vorne im Boot steht eine Kiepe mit drei Käselaiben für die Klosterbrüder. Auf dem Korb liegt ein Bündel mit einem grossen Brot und einem Körbchen mit sechs Eiern. Das ist für Grete, Mutters Base, die in der Stadt unten am Graben wohnt. Ihr Mann ist Glasbläser. Und sie haben eine Tochter , die Lena ...

Lena mit den schönen blonden Zöpfen und den blauen Augen. Hannes wird es ganz warm ums Herz, wenn er an sie denkt, obwohl ihn eigentlich fröstelt. Die Sonne steht noch tief über den Hügeln, und das Hemd aus Flachstuch schützt nicht gegen die Morgenkühle.

In der Ferne tauchen jetzt am Ufer die Umrisse der Stadt auf, Hannes sieht die Umfassungsmauer mit den Türmen und jenseits der Flussmündung die Benediktinerabtei. Noch weiter im Norden, über dem Hohen Fels, blinken die hellen Mauem der Burg.

Ein Fischreiher zieht tief über dem See mit kräftigen Flügelschlägen dem Ufer zu. Am Himmel segeln die Schwalben mit dem Wind.

Wie schön wäre es, mit ihnen zu fliegen! denkt Hannes. Alles von weit oben anzuschauen, die Stadt, den See, die Wälder! Wie weit würde man wohl sehen? Er freut sich auf den heutigen Tag in der Stadt. Gestem, als Grossvater ihn fragte, ob er mitkommen möchte, hat sein Herz einen Augenblick gehüpft vor Freude.