Glück gehabt. Gefunden - verloren - wiedergefunden in Augusta Raurica

Buchcover von Glück gehabt. Gefunden - verloren - wiedergefunden in Augusta Raurica

aus Kapitel 3.1.

Livia pfiff zweimal kurz, einmal lang. Es ging nicht lange, und Marcus erschien.
"Du machst ein Gesicht wie sieben Tage Regen", sagte er. "Ist was?"
Livia schüttelte den Kopf. "Ich bin müde. Und Hunger habe ich auch. Lass uns zu Petronius gehen. Er macht die besten Hackfleischbällchen der ganzen Stadt. Ich habe grosse Lust darauf."
Sie gingen über die Brücke und zur Stadt hinauf. Viele Menschen waren unterwegs zum Amphitheater.
An der Theke von Petronius’ Garküche war ein Gedränge. Es roch himmlisch nach
Knoblauch und gebratenem Fleisch. Livia und Marcus drängten sich vor.
"He, he!“, rief eine Frau "Wer hat es denn hier so eilig?!"
"Lass sie, es sind Kinder", sagte eine andere.
"Was darf es denn sein?" Der junge Mann am Herd grinste.
"Sechs Hackfleischbällchen", sagte Livia schnell. "In zwei Portionen."
Der Mann hob die Klöße mit einer hölzernen Zange aus dem siedenden Öl und wickelte sie in zwei Weinblätter. Livia reichte ihm das Geld. Die beiden Kinder assen im Gehen
"Du hast recht", sagte Marcus zwischen zwei Bissen. "Sie schmecken wirklich gut. Der Koch hat nicht gespart mit Pinienkernen."
Bei der Treppe, die zum Tempel gegenüber dem Theater hinauf führte, setzten sie sich auf eine Stufe.
Livia schob das letzte Fleischklösschen in den Mund. Sie leckte sich die Finger ab, knüllte das Weinblatt zusammen und warf es auf den Boden. Sie zögerte. "Kannst du ein Geheimnis behalten?", fragte sie endlich.
"Ja, sicher, das weißt du doch."
"Es gibt doch etwas. Gestern Abend hatte ich ein Armkettchen an. Erinnerst du dich? Ich hatte es in den Thermen gefunden. Jetzt habe ich es verloren. Überall habe ich gesucht."
"Du hast es gefunden? Und wieder verloren?" Marcus runzelte die Stirn. "Das ist doch nicht schlimm. Im Gegenteil! Sei froh. So werden die Götter dir nicht zürnen."
Livia dachte lange nach. "Vielleicht hast du recht. Am Ende habe ich vielleicht Glück gehabt. Ganz wohl war mir auch nicht bei der Sache. Dafür ist Lucius wieder gesund geworden. Das ist viel wichtiger."
Unten auf der Strasse kamen und gingen Leute. Ein Karren fuhr rumpelnd aus einer Gasse. Zwei Legionäre mit Schild und Schwert schlenderten vorüber.

Als Livia nach Hause kam war ihre Kehle trocken. Die Fleischbällchen hatten Durst gemacht. Sie holte ihr Rädchen. Hüpfend lief sie die Rampe hinunter in den Hof und in den Durchgang, wo der Sodbrunnen war. Sie legte sie das Spielzeug auf den Boden, nahm den Eimer, der an einem langen Seil befestigt war, und liess ihn in den Schacht fallen. Mit einem Klatschen schlug er unten auf. Sie wartete, bis der Eimer voll war, dann zog sie ihn herauf. Hastig trank sie aus der hohlen Hand. Dann beugte sie sich über den Brunnenrand, sammelte Spucke und liess sie hinunter fallen. Weit unten kräuselte sich das Wasser, dann wurde es wieder still.

 

 

aus Kapitel 3.2.

Endlich ist das Wochenende des Römerfests gekommen. Kaum ist sie aufgewacht schaut Olivia aus dem Fenster. Sie atmet auf - die Sonne scheint, kein Wölkchen ist am Himmel zu sehen.
In Augst sind schon viele Menschen unterwegs. Manche sind als Römer verkleidet. Marktstände und Buden säumen die Strasse.
Am Vormittag besuchen Marco und Olivia verschiedene Schauplätze. Sie schauen einer Goldschmiedin bei der Arbeit zu. In der Töpferei dürfen sie selbst ein Schälchen aus Ton herstellen. Und bei einer der Garküchen versuchen sie eines der nach einem römischen Rezept frisch zubereiteten Hackfleischbällchen.
Aber dann ist es Zeit für die Aufführung. Auf dem Weg zum Theater kommt den beiden Kindern ein Legionär mit Schild und Schwert entgegen. Es ist Lukas, den sie auf der Ausgrabung in der Schmidmatt kennen gelernt haben.
In der Theatergarderobe ziehen sie sich um. Hier geht es drunter und drüber. Etwa zwanzig Kinder und nochmals soviel Erwachsene müssen sich für ihren Auftritt vorbereiten.
Olivia trägt eine gegürtete hellblaue Tunica und einen Blumenkranz, Marco ein kurzes gegürtetes Leinenhemd. Beide haben römische Sandalen an den Füssen.
"Ihr seht wie richtige römische Kinder aus!", ruft Sylvia, die in der Garderobe mithilft.
Olivia nickt. "Ja, jetzt sind wir eben Marcus und Livia."
Auf den Stufen des Theaters sitzen die Leute dichtgedrängt. Auch die Eltern von Marco und Olivia sind unter den Zuschauern.
Der Beginn des Stückes wird von Bucina-Bläsern angekündigt.
Die Spannung steigt. Es wird still auf den Rängen.
Die Schauspieler haben ihre Masken umgehängt. Dann treten Olivia und Marco mit den anderen Kindern auf die Bühne. Der Sprech-Chor beginnt zu deklamieren.
"Mein höchster Wunsch war einst ein kleines Feld, ein Garten, eine Quelle nah am Hause, und etwas Wald dazu. Die Götter haben mehr und Besser's mir gegeben: mir ist wohl, ich bitte weiter nichts, o Maia’s Sohn, als dass du mir erhaltest, was du gabst."
Olivia bekommt fast Gänsehaut, so feierlich ist ihr zu Mute.
'Eigentlich', denkt sie, 'hätte ich gern in der Römerzeit gelebt.'