Kleine Schwester der Nacht

Buchcover von Kleine Schwester der Nacht

Auf Zehenspitzen geht Lynn die Treppe hinunter. Ihre Hand fährt dem Geländer entlang, verweilt einen Augenblick auf dem kantigen Abschluss. Das glatt lackierte Holz glänzt im Schein der Strassenlaterne, der durch ein kleines Fenster in der Haustür fällt.

Lynn stösst die Küchentür auf. Wie ausgegossene Milch liegt ein blasser Streifen Mondlicht auf den Steinfliesen. Ein winziger Schatten mit einem langen schwarzen Schwanz huscht über den Boden und verschwindet unter dem Küchenschrank. Lynn unterdrückt einen Schrei.

Auf dem Tisch steht eine angebrochene Dose Schweppes. Lynn nippt daran. Die Öffnung mit der scharfen Kante schmeckt metallisch. Bitter schäumende Flüssigkeit füllt Lynns Mund. Lynn spuckt sie ins Spülbecken.

Lynn setzt die Puppe auf einen Stuhl, nimm Milch aus dem Kühlschrank und richtet sich in einem Schüsselchen Cornflakes mit Milch und Zucker. Damit es nicht so dunkel ist, lässt sie die Kühlschranktür geöffnet.

Die Kälte macht Lynn frösteln.

(...)

Lynn öffnet die Verandatür. Langsam steigt sie die Stufen in den Garten hinunter, die Puppe im Arm.

Die Prinzessin ist unterwegs.

Die Nacht umfängt sie weich wie ein Tuch. Alles ist still. Die Luft ist süss und schwer. Ein Windstoss fährt in die Blätter des Kirschbaums. Glühwürmchen leuchten in der Hecke.

Im Nachbarhaus und im Garten ist alles dunkel. Aber ganz hinten beim Schuppen rinnt dünnes gelbes Licht aus dem Türspalt.

Lynn geht über das Gras. Die Grashalme kitzeln zwischen den Zehen.

Einmal bleibt sie stehen und wendet sich um. Das Fenster des Elternschlafzimmers ist dunkel. Die Vorhänge dahinter bewegen sich leise.

Der Mond giesst sein kaltes Licht über die Bäume und die Häuser aus.

Lynn setzt einen Fuss vor den anderen.

Sie lauscht in die Nacht hinaus.

Sie hört das Hämmern, das aus dem Schuppen kommt.

Das Rauschen der Autobahn.

Den Ruf eines Käuzchens.

Ein leises Rascheln. Ein Kichern. Ein Keckern.

Lynn hält den Atem an.