Inhalt - Pressestimmen - Textprobe
Max setzt sich auf den Gepackträger. Sie fahren durch die menschenleere Stadt. Endlich hält der Mann und stellt das Motorrad ab. Max hofft, er wurde ihm ein Brötchen geben, aber der Mann tut nichts dergleichen. Max gelangt in eine riesige Halle. Leute eilen hin und her. Er klettert eine Stange hinauf. Hoch oben zwischen blauen und roten Lichtern sieht er einige Vögel und einen Hirsch. "Seid ihr auch aus dem Kunsthaus abgehauen?", ruft er, aber er bekommt keine Antwort. "Hallo!" Er schreit, so laut er kann. "Ihr dort!"
Da hört er eine Stimme. Er dreht sich um. Erst jetzt bemerkt er die dicke Frau, die von der Decke herabhängt.
"Was soll das Geschrei!", ruft sie. "Jetzt habe ich doch gerade so schön geträumt, von Schokoladencreme und himbeerrosa Schaumgebäck."
Ihre Worte scheinen aus den rot blinkenden Schlangen zu kommen, die sie in den Händen hält.
"Immer diese ärgerlichen Störungen", jammert sie. "Reicht es denn nicht mit dem Lärm der Vögel? Ihr Gezwitscher und Gezeter ist schrecklich laut. Sie flattern aufgeregt von einer Seite der Halle zur anderen, sie kommen zu mir herüber geflogen und setzen sich auf meine Schultern. Manchmal höre ich auch ein eigenartiges Röhren."
"Ja ja, der Hirsch!"
"Ein Hirsch? Wie schön!", ruft die Frau. "Aber wer sind Sie eigentlich, und was tun Sie hier?"
"Entschuldigung", sagt Max. "Ich will dich nicht belästigen, ich geh auch gleich wieder. Es ist nur. . . Ich suche ein Mädchen. Es trägt ein blaues T-Shirt, hat dunkle Haare und heisst Niki. Hast du es vielleicht gesehen, du hast doch den Überblick?"
"Ich sehe nichts", sagt die Frau. "Rein gar nichts. Wie sollte ich auch, ohne Augen. Und im übrigen möchte ich Sie doch bitten, mich zu siezen. Diese neue Mode, alle und jeden mit du anzureden, ist nicht nach meinem Geschmack."
"Oh, das tut mir leid", sagt Max verlegen, "ich wollte Sie nicht kränken. Nur noch eine Frage. Wie können Sie fliegen, so dick und fett wie Sie sind?"
"Ich fliege, weil ich ein Engel bin", flüstert die Frau, "das sieht doch jeder. Aber mein Los ist schwer, glauben Sie mir. Hilflos und blind hänge ich an diesen Drahtseilen. Wegfliegen und mich hinaufschwingen, das ist mein grösster Wunsch! Ich würde über der Stadt kreisen. Rote, glockenreine Engelstöne würden aus meiner Leier fallen. Sie würden zerplatzen und als kleine Herzen auf Strassen und Hausdächer regnen. Könnten Sie nicht jemanden vorbeischicken, der die Kabel durchschneidet? Ich wäre Ihnen zu grossem Dank verpflichtet."
Max kratzt sich am Kopf. Er muss wieder nachdenken.
"Aber ja!", ruft er endlich. "Ich habe da jemanden getroffen, der soll fliegen können. Superman heisst er! Er trägt einen roten Mantel und schwarze Stiefel, und er ist mega stark und cool."
Über die Wangen der Frau huscht ein dunkles Lila.
"Oh", haucht sie, "der wäre bestimmt der Richtige. Ich warte auf ihn! Vielen Dank fiir Ihre Hilfe. Bitte, vergessen Sie mich nicht!"
Das rote Licht in den Schlangen verglimmt.