Inhalt - Pressestimmen - Textprobe
5 Unterweisung
Im Hof steigt Parzival vom Pferd und nimmt den Helm ab.
Ein knabenhaftes Gesicht kommt zum Vorschein. Ither von Gahevice, dem weit herum bekannten Roten Ritter, gleicht es nicht im geringsten.
'Wer seid Ihr?', fragt der Mann erstaunt.
'Ich bin Parzival, Sohn von Herzeloyde und Gamureth. Und wer seid Ihr?'
'Mein Name ist Gurnemanz, ich bin der Hausherr von Graharz', antwortet der alte Mann und wundert sich über die schlechten Manieren des Fremdlings. 'Willkommen auf meiner Burg.'
Noch bevor Parzival weiss, wie ihm geschieht, wird er von einem Knappen eine Wendeltreppe hinauf und in eine Kammer geleitet.
In einem Zuber ist ein heisses Bad vorbereitet. Rosenblätter schaukeln auf dem Wasser. Geschickte Hände schälen Parzival aus seiner Rüstung. Darunter kommen das verdreckte Sacktuch und die vor Schmutz starrenden Fellstiefel hervor. Die Mägde tuscheln verlegen. Sie wenden sich ab und halten sich die Nase zu.
Wie überaus peinlich! Wie unerhört!
Man meldet es dem Hausherrn. Fassungslos befiehlt Gurnemanz, den Gast neu einzukleiden und die stinkenden Fetzen ins Feuer zu werfen.
Dann wird Parzival von Kopf bis Fuss geschrubbt, seine Wunde wird mit Leinsamenöl gereinigt und mit Wein desinfiziert. Rot wie ein Krebs steigt er aus dem Zuber und wird in ein Badetuch gewickelt. Dann schneidet ihm ein Barbier das lange Haar auf Kinnlänge und hält ihm eine silberne, polierte Platte hin.
'Zufrieden, junger Herr?'
Zum ersten Mal im Leben sieht Parzival sein Spiegelbild. Ebenmässige Gesichtszüge. Graue Augen. Braunes wildgelocktes Haar, das ihm in die Stirn fällt. Volle Lippen.
'Das soll ich sein?' Er kichert. Betastet seine Nase, sein Kinn, das Gegenüber macht es ihm nach.
In der Schlafkammer nebenan liegen frische Kleider bereit. Parzival aber ist so müde und erschöpft, dass er auf das Bett sinkt und im nächsten Augenblick schon eingeschlafen ist. Jemand legt eine weiche Decke über ihn. Er schläft tief und traumlos.
Kaum ist er am anderen Tag erwacht springt er, splitternackt wie er ist, vom Bett hoch.
'Wo bin ich nur?!', ruft er verwirrt.
Er tritt in die Fensternische und schaut hinaus. Unendlich dehnen sich die Wälder. Vor der Zugbrücke machen sich ein paar Reiter zum Ausritt bereit. Die Sonne steht schon hoch.
Parzivals Ruf hat die Zofen, die vor seinem Zimmer wachen, aufgeschreckt. Sofort fangen sie an, ihn anzukleiden. Die Unterkleider aus weissem Leinen werden mit einem seidenen Band gegürtet. Hautenge rote Beinlinge werden übergestreift. An die Füsse kommen Schnabelschue aus weichem Ziegenleder. Der Rock und der Mantel aus Wollstoff sind gefüttert mit Hermelinpelz und werden von einem goldbesetzten Gürtel zusammengehalten. Die Stoffe fühlen sich so weich und geschmeidig an, dass Parzival darüber vergisst, nach seine alten Kleidern zu fragen.
Er wird in den Speisesaal an die reich gedeckte Tafel geleitet. Der Hausherr erwartet ihn schon. Er erkennt seinen Gast kaum wieder. Ein wahrhaft königlicher Jüngling tritt ihm entgegen!
Gurnemanz’ Herz wird schwer und leicht zugleich. Alle drei Söhne sind in blühendem Alter umgekommen. Aus Gram darüber sind seine Haare schneeweiss geworden. Dieser Gast soll ihm darum mehr als willkommen sein.
'Setzt Euch zu mir', sagt Gurnemanz, der am schmalen Ende der Tafel sitzt, und weist ihm den Platz an seiner linken Seite zu. Der Stuhl zu seiner Rechten bleibt leer.
Noch nie war Parzival so hungrig. In den letzten beiden Tagen hat er kaum etwas zwischen die Zähne bekommen. Er isst und trinkt, schmatzt und rülpst und beantwortet die Fragen seines Gastgebers. Einmal lässt er einen Furz fahren.
Gurnemanz ist von ausgesuchter Höflichkeit und sehr neugierig. Parzival muss alles erzählen: Woher er kommt. Wer er ist. Warum er sein Zuhause verlassen hat. Wie er zu der Rüstung des Roten Ritters gekommen ist.
'Ihr habt ihn also getötet', murmelt Gurnemanz und seufzt. 'Ich habe es befürchtet und muss es beklagen. Er war tapfer und edel. So werde ich nun EUCH an seiner Stelle den Roten Ritter nennen.'
'Ja, genau, ich will Ritter werden', sagt Parzival mit vollem Mund zwischen zwei Bissen Hasenkeule. 'Meine Mutter hat mir viele Ratschläge mitgegeben. Ich soll mich alten weisen Menschen anvertrauen war einer davon. Also bitte ich Euch, mich in Eure Obhut zu nehmen und mich alles zu lehren, was ich für das Rittertum brauche.'
Er lächelt Gurnemanz treuherzig an und spuckt ein paar Knöchelchen auf den Boden.
'Das will ich gern', sagt Gurnemanz. 'Wie ich sehe und höre, habt Ihr ein reichlich Mass an Belehrung nötig. Ihr müsst wissen, eine Rüstung macht noch keinen Ritter. Euer jugendliches Alter mag das ungehobelte Benehmen entschuldigen.'
Flinke Schritte sind zu vernehmen, und zu seinem Erstaunen sieht Parzival ein blasses blondes Mädchen hereinkommen. Sie lächelt ihm zu und setzt sich ihm gegenüber an die Tafel.
'Meine Tochter, Liaze', sagt Gurnemanz. 'Herrin des Hauses, seit meine Frau gestorben ist. Liaze, das ist unser Gast, Parzival, Sohn von Herzeloyde und Gamureth und von königlicher Abkunft. Begrüsse ihn, wie es sich gehört, und gestatte ihm einen Kuss.'
Sie neigen sich über den Tisch zueinander, und Parzival küsst sie auf den Mund. Beide erröten und setzen sich so hastig wieder hin, dass die Kerzen auf dem Tisch flackern.